Mary Gordon
Emotionale Kompetenz gegen aggressives Verhalten unter Kindern
Mary Gordon ist Kanadierin und arbeitete als Lehrerin an einer High School in Toronto — ein Arbeitsalltag, der überschattet wurde von zunehmender Gewalt und Gefühlskälte im Klassenzimmer.
Das gesellschaftliche Problem
Aggression und Brutalität unter Schülern sind an der Tagesordnung, Außenseiter werden systematisch gedemütigt. Immer mehr Kinder scheinen wie Roboter zu funktionieren — kühl, mechanisch, fast ohne Gefühlsregung. Die Selbstmordrate unter Teenagern steigt Studien zufolge seit einigen Jahren dramatisch an.
Die Idee
Mary Gordon lehrt Vorschulkindern und Schülern bis 14 Jahren emotionale Kompetenz — auf eine besondere Art: Schulklassen "adoptieren" ein Baby aus einer Familie in ihrem Stadtteil. Unter Aufsicht eines geschulten Mitarbeiters und der Eltern besuchen sie "ihr" Kind mindestens einmal im Monat, lernen, wie man es füttert und wickelt, haben Anteil an seiner Entwicklung vom hilflosen Säugling bis zum neugierigen, tapsigen Zweijährigem. Der Clue dabei: Die Babies können ihren Gemütszustand nicht verbal kommunizieren. Sie lachen, weinen, glucksen, strampeln — und die Schüler sind auf einmal herausgefordert, anhand der Gestik und Mimik des Babys sein Befinden zu "erfühlen". Sie müssen auf ihre Intuition achten, Impulse deuten — und lernen so, in sich hineinzuhorchen, lange verschüttete Emotionen wieder wahrzunehmen. Und das Patenkind lehrt sie noch etwas: Jeder Mensch hat seinen eigenen Willen — aber ist auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen.
Das Ergebnis
Der Erfolg von Mary Gordons Projekt ist verblüffend: Die Schüler lernen Einfühlungsvermögen und Zivilcourage, vor allem aggressive 'Problemkinder' zeigen deutliche Verhaltensänderungen. Qualitative Studien liefern Anekdoten: Der einstige Klassentyrann kauft seinem Patenkind vom Taschengeld einen Teddybären. Die schüchterne Schülerin geht in der Pause dazwischen, als ein Junge verprügelt wird. Das Mädchen, das im Unterricht nie den Mund aufmachte, sagt auf einmal vor versammelter Klasse Gedichte auf. Aber es gibt auch quantitative Ergebnisse: Eine Studie der University of British Columbia, Vancouver, legt nahe, dass fast 90 Prozent aller Problemkinder weniger gewalttätiges Verhalten zeigen als vor Beginn des Patenkindmodells — in einer Kontrollgruppe waren es nur neun Prozent. Außerdem weist die Studie darauf hin, dass sich soziale Kompetenz und Leistung der Schüler insgesamt zu verbessern scheinen. Mary Gordon hat ihr Programm, von der Regierung unterstützt, inzwischen auf ganz Kanada ausgebreitet, und startet jetzt auch in Japan, Neuseeland und den Vereinigten Staaten.






